Gedenken 2020 gegendenken –
Beiträge zur kritischen Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte in Kärnten/Koroška

Eine Veranstaltungsreihe der Initiative Container 25

Die Auswahl jener Ereignisse an die ein Staat, ein Land oder eine Region erinnern wollen, prägt die politische Kultur dieser Gebiete und sie prägt die Menschen, die in diesen leben. Die politische Führung des Bundeslandes Kärnten/Koroška hat sich dazu entschieden, das 100-jährige Jubiläum der „Kärntner Volksabstimmung“ im großen Stil zu feiern. Als Kulturverein mit erinnerungspolitischem Auftrag verfolgen wir diese Entwicklung aufmerksam und möchten sie um kritische Positionen ergänzen.

Die „Kärntner Volksabstimmung“ entschied zwei Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges darüber, ob weite Teile Südkärntens der jungen 1. (Deutsch-)Österreichischen Republik oder dem ebenfalls neu gegründetem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Staat) angehören werden. Mit der Abstimmung wurden die zwei Jahre lang verbittert geführten militärischen Konflikte um diese Grenzfrage beendet. Entscheidend für den Ausgang der Wahl war, dass viele slowenischsprechende Kärntner*innen sich dafür aussprachen, dass die zur Abstimmung stehenden Gebiete Teil des österreichischen Staates wurden.

Von offizieller Kärntner Seite heißt es, dass die Jubiläumsfeierlichkeiten die „1920 gesetzte Weichenstellung für das heutige Kärnten würdigen“ sollen. Unsere Initiative möchte betonen, dass diese Weichenstellung – neben dem Setzen der heutigen Landesgrenzen – eine ganze Reihe negativer Konsequenzen mit sich brachte, welche mit dem Bild eines offenen, vielfältigen und demokratiebewussten Kärnten/Koroškas nicht vereinbar ist.

Wir denken dabei an die durch den “Kärntner Abwehrkampf” und die Volksabstimmung zugespitzte Idee „Kärnten bleibt deutsch“. Deren Vertreter*innen zufolge gäbe es in Kärnten/Koroška nur Platz für eine Sprache und eine kulturelle Tradition. Diese Idee ist in vielerlei Hinsicht nicht davon zu trennen, wie Rassismus aktuell in unserer Gesellschaft funktioniert. In Kärnten/Koroška wurde sie u.a. von heimattreuen Verbänden wie dem „Kärntner Abwehrkämpferbund“ oder dem „Kärntner Heimatdienst“ aber auch von der offiziellen Landespolitik (insbesondere in der FPÖ unter Haider) jahrzehntelang propagiert. Dadurch konnte sich ein Geschichtsnarrativ etablieren, in dem historische Ereignisse zum Teil gezielt revisionistisch verdreht wurden.

Wir denken dabei an die andauernde Diskriminierung von Kärntner Slowen*innen. Der Rückgang der slowenischsprachigen Bevölkerung auf 20% jener Zahl, die im Zuge der Volksabstimmung erhoben wurde, muss als alarmierende Bestätigung dafür gesehen werden, dass Kärnten/Koroška im Bereich der Minderheitenrechte und dem Schutz der Zweisprachigkeit sträflich versagt hat.

Wir denken dabei an die Kontinuität von Kärntner Heimattreue und Nationalsozialismus und wie diese über die Jahre hinweg verschwiegen wurde. Viele “Kärntner Abwehrkämpfer” und ihre geistigen Nachfolger*innen engagierten sich euphorisch in den Strukturen des Nationalsozialismus.

Wir denken dabei auch an die Geringschätzung und Nichtanerkennung jener, die sich dem menschenverachtenden Regime des Nationalsozialismus entgegenstellten, allen voran die kärntner-slowenischen Partisan*innen. Auch die Opfer der rassistischen und antisemitischen Verfolgung und Auslöschung erfuhren in Kärnten nicht jene Entschädigung und Wertschätzung, die ihnen zustand.

Und wir denken dabei an die Wiederwilligkeit sich diese Entwicklungen einzugestehen und sie mit letzter Konsequenz aufzuarbeiten. Ein solcher kritischer Aufarbeitungsprozess ist unserer Meinung nach unabdingbar, um an einem fortschrittlichen Kärnten/Koroška und an einer Gesellschaft in der Verfolgung, Rassismus und Ausgrenzung keinen Platz mehr haben, zu arbeiten.

Aus der Sorge heraus, dass die Jubiläumsfeierlichkeiten, diese Leerstellen nicht bearbeiten und dass sie jenen zu viel Platz einräumen werden, die letzten Endes an der Idee festhalten, dass manche Menschen auf Grund ihrer Sprache oder ihrer Kultur mehr wert sind als andere, möchten wir als Container 25 aktiv werden und gegen diesen Mainstream des Gedenkens denken.

In diesem Sinne laden wir zur Veranstaltungsreihe „Gedenken 2020 gegendenken“ ein. Unser Fokus liegt auf der Erzählung jener Geschichten und Perspektiven, die im herrschenden kärntner Geschichtsnarrativ außen vorgelassen werden: Die Erzählung der kärntner-slowensichen Community, des antifaschistischen Widerstands, der Mythologisierung historischer Ereignisse und jene der Kontinuität rechtsextremen und rassistischen Denkens und Handelns in Kärnten/Koroška. Anliegen dieser Veranstaltungsreihe ist es, durch Vorträge, Diskussionen und Filme Positionen und Perspektiven sichtbar zu machen, die im Lavanttaler Raum marginalisiert sind. Nicht zuletzt freuen wir uns innerhalb dieser Veranstaltungsreihe zahlreiche Kooperationen mit anderen Südkärntner Initiativen und Vereinen durchführen zu können.


1 https://www.ktn.gv.at/Service/News?nid=29387